Diagnose
Wärmebrücken finden: Die 7 typischen Stellen im Altbau
Fast jeder wiederkehrende Schimmelbefall sitzt an einer von sieben Stellen, und die meisten davon finden Sie ohne Gerät.
In Mehrfamilienhäusern aus den fünfziger Jahren sitzt der Befall häufig in allen Wohnungen übereinander an derselben Stelle: als schmales, dunkles Band oben an der Außenwand, direkt unter der Decke, quer über die ganze Zimmerbreite. Verschiedene Parteien, verschiedene Lüftungsgewohnheiten, ein identisches Schadensbild. Wenn ein Befall so exakt der Konstruktion folgt und nicht der Nutzung, dann sagt das Bild bereits fast alles: Hier ist die Wand an dieser Linie kälter als daneben.
Genau darum lohnt es sich, die typischen Stellen zu kennen. Sie erklären die Muster, die Bewohner sonst für Zufall halten, und sie sind der Grund, warum ich bei einem Ortstermin zuerst die Konstruktion ansehe und erst danach die Nutzung, so wie im Beitrag Schimmel im Schlafzimmer beschrieben.
Die sieben Stellen, an denen ich zuerst suche
1. Die Außenwandecke. Der Klassiker. Zwei Außenwände treffen sich, außen ist die wärmeabgebende Fläche größer als die wärmeaufnehmende Fläche innen. Die Ecke ist dadurch geometrisch bedingt kühler als die freie Wandfläche, ganz ohne Baumangel. Typisches Bild: ein Schimmelkeil, der in der Kante beginnt und nach außen ausläuft.
2. Die Fensterlaibung und der Anschluss an den Blendrahmen. Die Wand ist an der Laibung dünner, und der Anschluss zwischen Mauerwerk und Fensterrahmen ist die Stelle, an der bei alten Einbauten am häufigsten nachgearbeitet wurde. Nach einem Fenstertausch ohne Anpassung des Anschlusses verlagert sich der Kondensatausfall gern von der Scheibe auf die Laibung.
3. Die Heizkörpernische unter dem Fenster. In vielen Bauten der fünfziger bis siebziger Jahre wurde die Wand hier zurückgesetzt, um den Heizkörper aufzunehmen. Die Restwandstärke ist entsprechend gering. Dass ausgerechnet der Heizkörper davorsteht, macht die Sache nicht besser, sondern heizt eine besonders dünne Fläche direkt an.
4. Der Rollladenkasten. Der unterschätzteste Punkt überhaupt. Der Kasten ragt in den beheizten Raum, hat oft eine dünne oder undichte Revisionsklappe und steht innen mit der kalten Außenluft in Verbindung. Ich finde hier regelmäßig sowohl kalte Oberflächen als auch eine spürbare Luftströmung.
5. Der Deckenrand über der Außenwand und die auskragende Balkonplatte. Die Geschossdecke bindet in die Außenwand ein oder läuft als Balkonplatte durch die Wand hindurch. Das Bauteil leitet Wärme dabei nach außen ab und kühlt die Anschlusslinie innen. Das ist das waagerechte Band unter der Decke vom Anfang dieses Beitrags.
6. Die einbindende Innenwand oder Stütze. Wo eine Innenwand oder ein Betonbauteil in die Außenwand einbindet, entsteht innen ein senkrechter kühler Streifen. Bewohner beschreiben ihn oft als „Schatten“ an der Tapete, weil sich Staub bevorzugt auf der kühleren, leicht feuchteren Fläche absetzt.
7. Der Übergang zu unbeheizten Bereichen. Unten der Fußpunkt der Außenwand über einem unbeheizten Keller, oben der Anschluss an eine ungedämmte oberste Geschossdecke oder an die Dachschräge. Beide Linien liegen an der Grenze zwischen beheizt und unbeheizt und verhalten sich entsprechend.
Und eine achte Stelle, die keine Wärmebrücke ist
Die Fläche hinter dem Kleiderschrank an der Außenwand ist der häufigste Befund überhaupt, aber sie ist keine Wärmebrücke. Sie ist eine nutzungsbedingt abgekühlte Fläche: Der Schrank hält die Raumwärme von der Wand fern, dahinter zirkuliert nichts. Das ist wichtig, weil die Lösung eine völlig andere ist. Sie kostet nichts und steht in der Anleitung zum richtigen Lüften.
Was Sie selbst finden können, mit der Hand und mit den Augen
Heizen Sie den Raum ein paar Stunden normal und schließen Sie dann für eine Weile das Fenster. Legen Sie den Handrücken flach auf eine Innenwand, warten Sie, bis sich die Hand an diese Temperatur gewöhnt hat, und wandern Sie dann zur verdächtigen Stelle. Der Vergleich zählt, nicht der Absolutwert. Die Innenwand in gleicher Höhe ist Ihre Referenz. Ecken, Laibungen, Nischen und Deckenränder unterscheiden sich auf diese Weise deutlicher, als die meisten erwarten.
Danach sehen Sie hin, und zwar auf die Form des Befalls. Ein Keil aus der Ecke heraus deutet auf die Geometrie. Ein waagerechtes Band unter der Decke deutet auf den Deckenrand. Ein senkrechter Streifen deutet auf ein einbindendes Bauteil. Ein sauberes Rechteck deutet auf ein Möbelstück. Und ein Befall, der unten an der Wand beginnt, mit Salzausblühungen und bröckelndem Putz, deutet gar nicht auf eine Wärmebrücke, sondern auf Wasser im Bauteil. Dieser letzte Fall gehört zuerst zur Abdichtung, in unserer Region übernimmt das der Fachbetrieb BAUDOKTOR Nord.
Hilfreich ist außerdem ein einfaches Hygrometer im Raum und der morgendliche Blick auf die Fensterscheibe: Wie hoch steht das Kondenswasser, und ist es an einer Seite des Raums mehr als an der anderen?
Wichtig für die Einordnung Alles, was Sie so finden, ist ein begründeter Verdacht und kein Befund. Auch ein Infrarot-Punktthermometer ändert daran nichts: Der abgelesene Wert hängt vom Emissionsgrad der Oberfläche, vom Winkel und vom Abstand ab. Einzelwerte ohne Raumklimadaten und ohne Zeitverlauf sind kein belastbarer Beleg, weder für ein Problem noch für den Erfolg einer Maßnahme.
Was eine fachliche Untersuchung zusätzlich leistet
Wenn ich eine Stelle wirklich beurteilen soll, messe ich nicht einmal, sondern über einen Zeitraum. An der verdächtigen Oberfläche sitzt ein Anlegefühler, im Raum laufen parallel Lufttemperatur und relative Luftfeuchte mit, üblicherweise über mehrere Tage bis Wochen. Erst dann lässt sich die Oberflächentemperatur mit dem daraus berechneten Taupunkt vergleichen und die Frage beantworten, die zählt: Fällt diese Fläche im Alltag unter den Taupunkt, wie oft und wie lange? Wie diese Rechnung funktioniert, steht im Beitrag Taupunkt einfach erklärt.
Dazu kommt die Konstruktion selbst. Welcher Wandaufbau, welche Deckenkonstruktion, wurde nachträglich gedämmt, gibt es Bestandspläne. Als anerkannten Maßstab für die Bewertung solcher Stellen kennt die Bauphysik den Temperaturfaktor an der Bauteilinnenoberfläche, der in DIN 4108-2 festgelegt ist. Wichtig zur Einordnung: Diese Anforderung ist eine Planungsanforderung und lässt sich auf ein Bestandsgebäude von 1910 nicht eins zu eins übertragen. Sie sagt, wohin man will, nicht, was ein Altbau schuldet.
Und was danach hilft
Steht der Befund, gibt es drei fachlich sinnvolle Wege. Liegt ein Bauteilschaden vor, etwa eine durchfeuchtete Konstruktion oder eine undichte Revisionsklappe am Rollladenkasten, wird zuerst dieser behoben. Das ist Tischler-, Dachdecker- oder Abdichtungsarbeit, keine Beschichtung. Ist die Wand trocken und hat der Raum Platz, ist die fachgerecht geplante Innendämmung die Maßnahme mit der größten Wirkung, nachzulesen im Vergleich zwischen Platte und Beschichtungssystem.
Bleibt kein Platz, etwa an einer Laibung, in einer Heizkörpernische oder in einer bewohnten Wohnung, kann unser Beschichtungssystem die Oberflächentemperatur der behandelten Fläche anheben und so die Kondensatbildung dort reduzieren. Die zugehörigen Prüfwerte finden Sie in den technischen Unterlagen, offene Fragen beantwortet FAQ & Kontakt. Die Geometrie der Konstruktion verändert das System nicht, und das behaupten wir auch nicht.
Häufige Fragen dazu
Kann ich eine Wärmebrücke ohne Messgerät finden?
Einen Verdacht ja, einen Befund nein. Mit dem Handrücken lassen sich kältere Flächen erstaunlich zuverlässig ertasten, wenn Sie eine verdächtige Stelle mit einer Innenwand in gleicher Höhe vergleichen. Ob die Oberfläche tatsächlich unter den Taupunkt fällt, klärt erst eine Messung über mehrere Tage.
Taugt ein Infrarot-Thermometer aus dem Baumarkt als Nachweis?
Als Hinweis ja, als Nachweis nein. Punktmessungen hängen vom Messwinkel, vom Abstand und vom Emissionsgrad der Oberfläche ab. Ein einzelner Wert ohne Raumklimadaten und ohne Zeitverlauf sagt fachlich wenig aus, deshalb arbeiten wir damit nicht als Beleg.
Kann eine Beschichtung eine Wärmebrücke beseitigen?
Beseitigen nicht. Die Geometrie der Konstruktion bleibt, wie sie ist. Ein dünnes Oberflächensystem kann die Temperatur der Wandoberfläche anheben und damit die Kondensatbildung an dieser Fläche reduzieren. Liegt der Kälteeinbruch an einem Bauteilschaden, muss zuerst dieser behoben werden.
Ihre Wand
Sie haben eine verdächtige Stelle gefunden?
Fotografieren Sie die Stelle mit ihrer Umgebung, möglichst einschließlich Fenster und Ecke. Der Sachverständige ordnet ein, welche typische Schwachstelle wahrscheinlich ist.