Vorbeugen
Richtig lüften gegen Schimmel: Anleitung vom Sachverständigen
In einem Teil der Wohnungen, die ich sehe, ist richtiges Lüften plus zehn Zentimeter Möbelabstand die vollständige Lösung.
„Ich lüfte den ganzen Tag“ ist einer der häufigsten Sätze zu diesem Thema, und er stimmt fast immer. Nur beschreibt er selten das, was der Wohnung helfen würde. Ein Fenster, das die ganze Heizperiode über auf Kipp steht, tauscht wenig Luft aus und kühlt dafür die Laibung und die Brüstung darunter dauerhaft ab. Der Schimmel sitzt dann nicht in der Zimmerecke, sondern rund um genau dieses Fenster. Steht davor zusätzlich ein Kleiderschrank bündig an der Außenwand, ist das Bild komplett. Und es braucht kein Produkt, um es aufzulösen, sondern einen anderen Lüftungsrhythmus und zehn Zentimeter Abstand.
Warum überhaupt gelüftet werden muss
Die Feuchtigkeit, die in Wohnungen zum Problem wird, kommt in den meisten Fällen nicht durch die Wand herein, sondern entsteht drinnen. Kochen, Duschen, Wäschetrocknen, Pflanzen und schlicht das Atmen der Bewohner geben täglich mehrere Liter Wasser als Dampf an die Raumluft ab. Das ist eine bauphysikalische Größenordnung und keine Aussage über Ihre Wohnung, aber sie erklärt die Mechanik: Diese Feuchte muss wieder hinaus, sonst sucht sie sich die kälteste Oberfläche im Raum und schlägt sich dort als Kondensat nieder. Warum das passiert, steckt im Zusammenspiel von Lufttemperatur, relativer Feuchte und Oberflächentemperatur, nachzulesen im Beitrag Taupunkt einfach erklärt.
Daraus folgt die eigentliche Regel, und sie ist unbequemer als jeder Lüftungsplan: Lüften und Heizen sind eine einzige Maßnahme, nicht zwei. Warme Luft transportiert deutlich mehr Wasserdampf als kalte. Ein Raum, der auf 15 Grad heruntergefahren und dafür fleißig gelüftet wird, ist gefährdeter als ein normal beheizter Raum, der dreimal am Tag kurz durchgelüftet wird.
Die Anleitung, die ich bei Ortsterminen weitergebe
Die folgende Liste gibt eine Richtung, keine Vorschrift, und sie enthält bewusst keine Minutenangaben: Wie lange ein Raum gelüftet werden muss, hängt an Außentemperatur, Fenstergröße und Raumgröße.
- Stoßlüften statt kippen. Fenster weit auf, im Winter wenige Minuten, in der Übergangszeit länger. Das Ziel ist der Luftwechsel, nicht das Auskühlen der Wände. Ein gekipptes Fenster erreicht das Gegenteil: wenig Austausch, dafür eine dauerhaft kalte Laibung.
- Querlüften, wenn es geht. Zwei gegenüberliegende Fenster gleichzeitig auf, dazu die Zimmertüren. Das verkürzt die nötige Zeit erheblich.
- Nach der Feuchtequelle lüften, nicht nach der Uhr. Direkt nach dem Duschen, während und nach dem Kochen, morgens nach dem Aufstehen im Schlafzimmer. Wer nach dem Duschen sofort lüftet, holt das Wasser aus der Wohnung, bevor es sich in kalten Räumen verteilt.
- Türen zu kalten Räumen geschlossen halten. Das Schlafzimmer mit dem warmen Wohnzimmer aufzuwärmen, klingt sparsam, verschiebt aber warme, feuchte Luft in den kältesten Raum der Wohnung. Dort kondensiert sie. Jeder Raum wird für sich geheizt und für sich gelüftet.
- Heizkörper freihalten. Kein Vorhang davor, keine Verkleidung, keine Sitzbank. Ein Heizkörper, der den Raum nicht bestreichen kann, wärmt die Wandoberflächen nicht mit.
- Möbel abrücken. Ungefähr zehn Zentimeter zur Außenwand, das ist die übliche Faustregel. Dahinter zirkuliert Luft, die Fläche bleibt wärmer. Bei Einbauschränken hilft es oft schon, die Sockelblende und die Oberkante zu öffnen.
- Ein Hygrometer aufstellen. Ein einfaches Gerät im betroffenen Raum macht aus Gefühl eine Beobachtung. Es zeigt Ihnen, ob Ihr Lüften wirkt, und zwar innerhalb von Minuten.
Oft reicht eine Änderung der Nutzung
In einem erheblichen Teil der Wohnungen, in denen ich Schimmel begutachte, ist genau die obige Liste die vollständige Lösung. Kein Anstrich, keine Platte, kein Beschichtungssystem, kein Sanierungsauftrag. Der Befall entstand, weil ein Schrank eine ohnehin kühle Wandfläche noch weiter abgekühlt hat, weil das Bad kein Fenster hat und nach dem Duschen die Tür offen blieb, oder weil ein Raum aus Sparsamkeit nicht mehr beheizt, aber weiter genutzt wurde. Wer diese drei Dinge ändert, ändert die Physik im Raum.
Das erkennt man meist an drei Zeichen: Der Befall ist flächig und oberflächlich, er sitzt hinter Möbeln, in Ecken oder an Fensterlaibungen, und er verschwindet im Sommer. Wie ich einen solchen Raum der Reihe nach durchgehe, steht im Beitrag Schimmel im Schlafzimmer. Wenn Ihre Wand diese Beschreibung erfüllt, probieren Sie eine Heizperiode lang die Liste oben, bevor Sie Geld ausgeben. Ich sage das lieber vorher als hinterher.
Wo Lüften nicht weiterhilft Kein Lüftungsverhalten der Welt löst eine Wand, die aus baulichen Gründen dauerhaft zu kalt ist, und keines löst eine Wand, in die Wasser eindringt. Ein Lüftungsprotokoll ersetzt deshalb niemals die Prüfung einer geometrischen Schwachstelle oder einer defekten Abdichtung.
Wann Lüften nicht mehr reicht
Es gibt Wände, an denen jede vernünftige Nutzung an ihre Grenze kommt. Eine ungedämmte Außenwandecke im Nordzimmer, eine Fensterbrüstung mit Heizkörpernische, ein Rollladenkasten, ein Deckenrand über der Außenwand. Solche Stellen sind aus der Konstruktion heraus kälter als die Fläche daneben, und dort entsteht Kondensat auch bei tadellosem Lüften. Welche sieben Stellen das im Altbau typischerweise sind und wie Sie sie mit der Hand finden, steht in der Übersicht zu Wärmebrücken im Altbau.
Wenn die Ursache dort liegt, gibt es zwei fachlich sinnvolle Wege. Wo Platz und Budget vorhanden sind, eine fachgerecht geplante Innendämmung. Und wo das nicht geht, weil der Raum keine Zentimeter hergibt, weil das Objekt unter Denkmalschutz steht oder weil die Wohnung bewohnt bleibt, ein dünnes Oberflächensystem, das die Wandoberfläche wärmer hält. Wie unser System dabei arbeitet und wo seine Grenzen liegen, ist dort im Einzelnen beschrieben, weitere Fragen beantwortet FAQ und Kontakt.
Wenn Sie unsicher sind, welcher der beiden Fälle bei Ihnen vorliegt, schicken Sie ein Foto der Stelle. Der Sachverständige ordnet ein, ob mehr Möbelabstand und ein anderer Lüftungsrhythmus genügen oder die Wand selbst geprüft werden sollte.
Häufige Fragen dazu
Ist ein gekipptes Fenster nicht besser als gar nichts?
Im Winter meistens nicht. Ein Dauerkipp tauscht wenig Luft aus, kühlt dafür aber die Laibung und die Wand rund um das Fenster dauerhaft ab. Genau dort entsteht dann Kondensat. Besser ist mehrmals täglich kurzes Stoßlüften mit weit geöffnetem Fenster.
Wie feucht darf die Raumluft sein?
Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht, und wir nennen hier bewusst keine. Entscheidend ist nicht die relative Luftfeuchte allein, sondern ihr Verhältnis zur kältesten Wandoberfläche im Raum: Je kälter diese Fläche ist, desto trockener muss die Raumluft bleiben, damit auf ihr nichts kondensiert. Ein Hygrometer im Raum zeigt Ihnen, ob Ihr Lüften die Feuchte überhaupt senkt.
Reicht Lüften, um vorhandenen Schimmel loszuwerden?
Nein. Lüften entzieht neuem Befall die Grundlage, entfernt aber keinen bestehenden. Vorhandener Befall muss fachgerecht entfernt werden, größere Flächen und empfindliche Bewohner gehören in die Hände eines Fachbetriebs beziehungsweise zur ärztlichen Abklärung.
Ihre Wand
Unsicher, ob Lüften bei Ihnen reicht?
Schicken Sie ein Foto der Stelle und schreiben Sie dazu, wie Sie lüften und was vor der Wand steht. Der Sachverständige prüft, ob eine Verhaltensänderung genügt oder die Wand selbst behandelt werden muss.